Quality Time mit Kindern
 
"Ich will nicht schon wieder Auto fahren"

Ja, es stimmt, wenn Kinder sich langweilen, kann es sehr nervig werden. Also probieren wir ständig, irgendwas zu unternehmen und fürs Wochenende zu planen, um sie bei Laune zu halten. Dabei wollen sie in Wahrheit häufig gar keine Ausflüge, sondern etwas, das es eigentlich ganz umsonst und ohne Anfahrtsweg gibt: Zuwendung und Zeit. Wer mich mal wieder drauf gebracht hat? Mein Sohn.

Junge wirft Steine ins Wasser
I Stock coramueller

Der erste kleine Groschen fiel neulich, als wir ein Wochenende an der Schlei in Norddeutschland waren. Zugegegeben: Das ist als Beispiel auf den ersten Blick schwierg, weil wir da ja schon auf einem Ausflug waren. Aber gerade deshalb taugt es als Beispiel doch ganz gut: Wir Eltern hatten uns überlegt, wir fahren an die Schlei, da soll es so schön sein. Stimmt auch. Atemberaubend schön. Wir hatten ein kleines Appartment in einem fantastischen, neu eröffneten Gasthof im malerischen Alt Sieseby, 200 Meter vom Wasser entfernt. Ein Traum in Tüten alles und 1a Wetter obendrein, aber ich dachte sofort: Oha. Die Kinder können hier ja nicht viel machen. Hier sind ja nur Häuser, Wasser und ein Steg und sonst nix.

Also planten wir direkt für den ersten Tag einen Ausflug irgendwohin, um einen anderen wunderschönen kleinen Ort mit Steg direkt an der Schlei anzugucken. Daraufhin fingen alle Kinder an zu maulen. Sie hatten nach der zweistündigen Anfahrt verständlicherweise keine Lust, schon wieder im Auto zu sitzen.
"Wir sind doch gerade erst hier angekommen, warum müssen wir jetzt schon wieder irgendwohin fahren?",  zeterte unser Älterester sofort lautstark los. Weil er diesen fiesen Teenager-Ton getroffen hatte, wollte ich gleich zurück meckern: "Wenn man was von der Welt sehen will, muss man sich bewegen! Wenn Ihr nix angucken wollt, hätten wir auch zu Hause bleiben können", aber gottlob dämmerte mir beim Luftholen für diesen Monolog: Er hat im Grunde recht. Und wenn ich ehrlich war, hatte ich auch keinen Bock, schon wieder Auto zu fahren.

Und so kam es dann, dass wir das taten, was mein Mann Sweet Nothing nennt, also nix. Wir gaben auf, legten uns ohne tolle Picknickdecke ans Ufer, und die Kinder schmissen Steine ins Wasser, die der Hund nicht wiederfand, stundenlang. Zwischendurch kam mal einer, legte sich bei einem von uns auf den Bauch, denn wir waren einfach rittlings lang hingeschlagen und liegen geblieben, und erzählte was. 

Die Kleine winkte wild vom Steg zu uns her, sammelte Gänseblümchen und wir versuchten (wie in einem der schicken Familienmagazine), einen Blümchenkranz für den Kopf zu flechten, was natürlich nicht klappte. Aber das hat niemanden wirklich aufgeregt.
Es war schön, einfach schön.

Steg an der Schlei
IStock coramueller

Der zweite Groschen fiel dann ein, zwei Wochenenden später. Die Woche war unglaublich voll gewesen, wir Eltern wollten einfach nur zu Hause sein und nix machen. Klingt ja nach Beispiel eins schon mal gut, aber das allein ist es eben nicht. Denn nach ein, zwei Stunden, in denen alles ganz gut lief, fingen die Kinder erst an sich zu zanken und dann sich zu kloppen. Na, toll, dachte ich, auch wieder nicht richtig. Das Gute war: Unser Auto war weg. So richtig fliehen in Wildpark, Zoos oder auf fetzige Kinderfestivals war also nicht.

Und dann fiel mir ein: Seit Jahren will ich Holunderblütensirup machen, ist so ein Kindheitsdings. Also sind die Kinder unter Absingen schmutziger Lieder lustlos aufs Rad gestiegen und mit losgefahren. Wir haben dann viel mehr gepflückt, als wir brauchten, einfach weil es doch irgendwie Spaß machte: Radeln, einen Holler-Busch suchen, Kinderpyramide bauen, um an die oberen Dolden ranzukommen, pflücken, Brennnesselpickel ablecken.
Wir hatten dann an dem Tag gar nicht genug Zucker da, um wirklich Sirup zu kochen, aber wir hatten eine knappe Stunde mit einer gemeinsamen Aufgabe an der frischen Luft inklusive Mini-Fahrradtour. Und alle waren danach den Rest des Nachmittags happy.

Holunderblüten schneiden
I Stock jarafoli

Fazit: Einfach nix tun ist schon gut, aber genauso wichtig wie die herrliche Langeweile ist die richtige Prise Zuwendung. Ich glaube, es geht gar nicht darum, die Kinder ständig zu "animieren" oder zu "bespaßen", sondern darum, ihnen zu vermitteln: Du bist mir willkommen, ich bin gern mit Dir zusammen.

Wir haben Freunde, die suchen ihre Urlaubsorte danach aus, wo man die Kinder "gut abschieben" kann. Wir waren einmal zusammen im Urlaub in so einem Wellnesshotel mit Kinderanimation, aber ich hab gemerkt: Das bin ich nicht. Ich liebe es, allein und ohne meine Kinder zu sein, aber ich will ihnen nicht ständig vermitteln: Geht Ihr mal spielen, wir wollen hier für uns sein.

Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen, sicher, aber meine Erfahrung sagt mir: Je mehr Kinder sich willkommen fühlen, desto weniger müssen sie dauernd nach Aufmerksamkeit schreien. Dinge zusammen unternehmen ist schön, die Welt gmeinsam entdecken auch, aber eigentlich reicht auch das Rinnsaaal neben der Siedlung, um Spaß zu haben, solange diese Botschaft gelebt wird.

Einmal waren wir mit der Kleinen doch im Zoo, lange her. Plötzlich rief sie begeistert: "DA!"
Ich schaute auf den riesigen Elefanten und sagte: " Ja, der ist wirklich toll."
Sie aber schüttelte den Kopf und schrie nochmal "DA!"
Als mein Blick ihrem kleinen Wurstfinger folgte, sah ich den winzigen Spatz neben dem Elefanten sitzen; war wirklich so.
Und ich dachte: "Na den hätten wir auch daheim gehabt - für wesentlich weniger Geld und bessere Pommes." Stimmt.

Kind fotografiert Vogel
I Stock marc duf
ELTERN Abo